Der Wald und unser Wild

Von Joachim Orbach

Bei allen Diskussionen um den Wald sollte man zunächst die Worte aus der 9. Auflage von „Das Rehwild“ von Ferdinand von Raesfeld, A. H. Neuhaus und Dr. K. Schaich bedenken:

„Wir wurden aber auch – selbst bei sehr kritischer Betrachtung – in unserer Auffassung bestärkt, dass die Forderung, ‚um unseren schönen Wald zu retten, neun von zehn Rehen abzuschießen‘, bösartiger Unsinn ist und schlecht zu den bewegten Klagen über die Ausrottung von Wildarten in der Vergangenheit passt.“

Diese Worte gelten natürlich auch für alle anderen wiederkäuenden Schalenwildarten.


Naturnaher und natürlicher Wald

Bedenken wir, dass in unserer gewachsenen Kulturlandschaft – die wir allerdings auch nicht in die Landschaft von Kanada oder Alaska umwandeln können – nach Meinung erfahrener Wildbiologen in der Forstwirtschaft die Ausweisung von Ruhezonen und Äsungsflächen (einschließlich „Verbisshölzern“ wie beispielsweise Zitterpappel und Weide) oftmals nicht genügend berücksichtigt wird.

Aus tierschutzrechtlicher Sicht und aus ethischer Verpflichtung des Menschen gegenüber unserem Wild dürfte dies jedoch unabdingbar sein. Nur wer all dies im Waldbau ausreichend berücksichtigt hat, hat meiner Meinung nach auch das Recht, gegenüber den nachfolgenden Generationen von einem naturnahen Waldbau zu sprechen.

Es müssen daher genügend Flächen für Ruhezonen (Deckungszonen) und Wildäsungsflächen mit entsprechendem Kräuterangebot sowie angelegten Weichhölzern als Verbisshölzer bereitgestellt werden. Denn mit einem reichen und abwechslungsreichen Nahrungsangebot ist es möglich, angemessene Bestände wiederkäuender Schalenwildarten zu erhalten, ohne jedes Stück Schalenwild – in der heutigen Zeit oft auch als „verhetzter Knospenfresser“ bezeichnet – zu erlegen.

Oder hätte ich schreiben sollen: wie Schädlinge zu vernichten? Für eine solche Vorgehensweise dürfte die breite Öffentlichkeit sicherlich kein Verständnis haben.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob Subventionen aus vom Bürger gezahlten Steuergeldern immer richtig eingesetzt werden. Die beste Wildschadensverhütung ist daher nach Meinung einer Reihe von Fachleuten eine Verbesserung des Äsungsangebotes im Wald durch die Anlage zerstreut liegender Äsungsflächen sowie die Aufforstung beziehungsweise das Belassen von Verbiss- und Prosshölzern. Auch die natürliche Entwicklung von Teilflächen in Waldgebieten dürfte hier förderlich sein.

So bietet sich beispielsweise der Niederwald mit seinen nachwachsenden Rohstoffen (Brennholz, Umtriebszeit 25 bis 30 Jahre) als besondere Waldbetriebsart an, ebenso der Mittelwald. Nicht von der Hand zu weisen sind zudem die hervorragenden Lebensgrundlagen für Flora und Fauna.

Leider findet der Niederwald in der heutigen Zeit noch zu wenig Beachtung. In Deutschland macht er nur noch einen Anteil von unter einem Prozent aus. Diese historische Waldnutzung mit stockausschlagfähigen Baumarten wie Hainbuche und Eiche sowie weiterer Vegetation wird in einigen Bundesländern sogar gefördert.

Pflanzenarten erhalten

Mit dem Erhalt beziehungsweise der Schaffung des Lebensraumes Niederwald dürfte auch eine bessere Verteilung des Äsungsangebotes zu erreichen sein. Neben diesen Gesichtspunkten dient der Niederwald insbesondere dem Erhalt von Pflanzenarten und nicht jagdbaren Tierarten, die wir oftmals auch im sogenannten „naturnahen Wald“ – Mischwäldern entsprechender Altersklassen mit beispielsweise Fichten, Eichen und Buchen – vergeblich suchen.

Besonders im Altersklassenwald gelangt zu wenig Licht an die Gras- und Krautschichten des Waldbodens. Hier dürfte es auch an der Zeit sein, sich an den tatsächlichen Naturwäldern mit ihren Zusammenbruchphasen oder Waldbrandflächen zu orientieren, die unter anderem die Grundäsung für pflanzenfressende Wildarten liefern.

Relikt aus früherer Zeit?

Bedenken wir auch, dass einst die Niederwaldwirtschaft das Landschaftsbild mitprägte und die vorherrschende forstliche Betriebsart war, die kaum der Pflege bedurfte. Brennholz war gefragt, die Rinde der Eiche für die Lohgerbereien bis in die 1960er Jahre und die entrindeten Eichenstangen für die Kohlenmeiler.

In der heutigen Zeit kommt der Niederwald als Relikt früherer Zeiten – wie demnächst möglicherweise auch die typisch bäuerliche Landwirtschaft – nur noch selten vor. In großen Flächen fiel er dem Nutzungsdenken zum Opfer, sei es durch ökologisch äußerst bedenkliche Aufforstungen oder durch die Überführung in Hochwald als Wirtschaftswald.

Aus Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes dürfte es nicht nur wünschenswert sein, sondern auch dringend erforderlich, die verbliebenen Niederwälder durch entsprechende Waldarbeiten zu erhalten beziehungsweise auszuweiten. Denn 40- bis 70-jährige Niederwaldbestände besitzen weder einen ökonomischen noch einen besonderen ökologischen Wert.

Neben dem Erhalt bäuerlicher Betriebe – ob nun „Bio“ daraufsteht oder nicht – ist dies ebenfalls zu beachten. Hier kommt dem Niederwald durch den Verkauf oder die Eigennutzung von Brennholz als nachwachsendem Rohstoff eine besondere Bedeutung zu, insbesondere bei steigenden Kosten für Öl, Gas und Strom.

Fazit

Auf unser Wild und dessen Lebensgrundlagen sollte daher auch die breite Öffentlichkeit besonders hingewiesen werden. Insbesondere sollten vernünftige Wege in der Forstwirtschaft – die es in Deutschland und Österreich durchaus noch gibt – aufgezeigt werden, bei denen unserem Wild weiterhin Lebensgrundlagen zugestanden werden.

Bedenken wir aber auch stets, dass Wildtiere in unserer oftmals naturfernen Welt Mitgeschöpfe und ein Teil unserer Kulturlandschaft sind und keine Schädlinge. Wo Wald, Wild und Mensch in Einklang gebracht werden sollen, kann daher die Devise nur „Wald und Wild“ und nicht „Wald vor Wild“ lauten.

Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit der Jägerschaft sowie aller, denen der Umgang mit unserem Wild und der Erhalt anderer Tier- und Pflanzenarten ein Anliegen ist, dürfte daher auch zukünftig vordringlich sein. Hierbei muss auch das, was wir unter Waidgerechtigkeit gegenüber unserem Wild verstehen, stärker berücksichtigt werden.

Bei mancher Fehlentscheidung der Politik, die unser Wild betrifft, fällt mir ein Zitat von Prof. Dr. Carlo Schmid (†), einem der Väter unseres Grundgesetzes, ein:

„Als ich jung war, glaubte ich, ein Politiker müsse intelligent sein. Jetzt weiß ich, dass Intelligenz wenigstens nicht schadet.“